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18. May 2016 10

Mille Miglia: Rudolf Carraciola siegt als erster Deutscher

Von Hans R. Richarz



ampnet – 17. Mai 2016. Bei den insgesamt 24 Wettbewerben der Mille Miglia zwischen 1927 und 1957 mussten die Italiener nur dreimal ausländischer Konkurrenz den Vortritt lassen.
Zwei Mal hatte Mercedes-Benz und einmal BMW die Nase vorn. Den ersten Sieg eines Nicht-Italieners feierte Rudolf Caracciola aus Remagen am Rhein 1931. Er benötigte für die 1000 Meilen von Brescia nach Rom und zurück mit seinem Mercedes-Benz SSKL genau 16 Stunden, zehn Minuten und zehn Sekunden. Doch aus dem Rennen von einst ist längst eine touristische Zuverlässigkeitsfahrt geworden. Sie beginnt dieses Jahr am Donnerstag, 19. Mai 2016.
Der spätere Sieger Rudolf Caracciola auf Mercedes-Benz SSK beim Start zur Mille Miglia 1931 und Verabschiedung von seiner Frau. Foto: Mercedes-Benz

Der spätere Sieger Rudolf Caracciola auf Mercedes-Benz SSK beim Start zur Mille Miglia 1931 und Verabschiedung von seiner Frau. Foto: Mercedes-Benz

Sonnabend, der 26. März 1927. Im historischen Kern der norditalienischen Stadt Brescia in der Lombardei haben sich 77 Rennwagen samt Fahrern und Beifahrern versammelt und warten auf den Startschuss zu einem Wettbewerb, der alsbald zum Klassiker unter den Langstrecken-Straßenrennen werden soll. Vor ihnen liegt ein Weg über zumeist unbefestigte Strecken von 1000 Meilen – etwa 1600 Kilometer. Zwei Jahre lang haben vier junge Autofreaks an der Veranstaltung gebastelt, die in Brescia losgehen und auch dort wieder enden soll. Sie wollen damit ihre Heimatstadt zum Zentrum des italienischen Motorsports machen.
Zunächst findet das Rennen im Großraum Bresscia statt, erst 13 Jahre später wird Rom zum Wendepunkt erklärt. Sieger des ersten Rennens in drei Etappen ist nach insgesamt 21 Stunden, vier Minuten und 28,2 Sekunden der Mailander Rennprofi Ferdinando Minoia auf einem OM 665 Superba von Officine Meccaniche, einem für robuste Sportwagen bekannten Unternehmen aus Brescia, das 1968 von Fiat übernommen wird. Das Durchschnittstempo des Gewinners beträgt 77 km/h.
Von Beginn an nehmen bei den 24 Rennen, die bis 1957 stattfinden, zumeist Italiener auf Alfa Romeo, Ferrari oder Lancia den Siegerpokal mit nach Hause. Nur dreimal können Ausländer in die Italo-Phalanx einbrechen: 1931, 1940 und 1955 – zweimal auf Mercedes-Benz, einmal auf BMW.
Als erster Fahrer, der nördlich der Alpen geboren wurde, siegt der damals 30jährige Rudolf Caracciola aus Remagen am Rhein am 12./13. April 1931 bei dem berühmten Langstreckenrennen. Er und sein Beifahrer Wilhelm Sebastian legen die 1635 Kilometer in einem Mercedes-Benz Typ SSKL mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 101,1 km/h zurück.
„Karratsch" wie er gerufen wurde, gilt als erfolgreichster europäischer Rennfahrer der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, kehrt danach mit einem Mercedes 300 SL noch einmal nach Brescia zurück, wo er 1952 bei der Mille Miglia den vierten Platz belegt. Im gleichen Jahr muss er nach einem schweren Unfall beim Großen Preis von Bern seine Rennfahrerkarriere beenden. Bereits im zarten Alter von 15 Jahren hatte er mit Sondererlaubnis den Führerschein machenddürfen. Seine Fähigkeit, auch bei schlechtem Wetter schnell und sicher unterwegs zu sein, brachte ihm die Bewunderung seiner Rennfahrerkollegen und den heimlichen Titel „Regenmeister“ ein.
Sein Siegerwagen von 1931 basierte auf dem SSK, der einen kurzen Radstand hatte und damit sehr leicht und wendig war. Der SSKL war noch einmal leichter – dafür steht das „L“ in der Typenbezeichnung –, er brachte rund 1350 Kilogramm auf die Waage. Das war nicht viel Masse für den Kompressor-Sechszylinder mit 7065 Kubikzentimeter Hubraum und einer Leistung von 220 kW / 300 PS: Die Höchstgeschwindigkeit lag bei beachtlichen 235 km/h. Bei der Mille Miglia macht der BMW 328 erstmals 1938 mit dem Sieg in der Wertungsklasse für Fahrzeuge mit maximal 2,0 Litern Hubraum auf sich aufmerksam.
Zwei Jahre später folgt der Gesamtsieg für Fritz Huschke von Hanstein und Walter Bäumer im BMW 328 Mille Miglia Touring Coupé und damit zum zweiten Mal ein Gesamtsiegerpokal für einen Ausländer. Die beiden Deutschen gewinnen überlegen in acht Stunden, 54 Minuten und 46,3 Sekunden mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 166,7 km/h. Die leichte Aluminiumkarosserie ihres Wagens aus besonders dünnen Blechen war mit einem Gitterrohrgerüst versteift und sorgte für ein Leergewicht von 700 Kilogramm. Damit hatte es der Sechs-Zylinder-Reihenmotor mit zwei Litern Hubraum und bis zu 99 kW / 135 PS nicht besonders schwer. Das Spitzentempo lag in der Gegend von 220 km/h.
Auch privat fuhr Fritz Huschke von Hanstein zu jener Zeit einen BMW 328, Kennzeichen SS-333. Damit sowie mit entsprechenden Aufklebern drückte er während der Nazi-Zeit seine Verbundenheit zur SS aus, deren Mitglied er auch war. In den 1950er Jahren kehrte er – entnazifiziert – erfolgreich auf die Rennstrecken zurück, wurde später Rennleiter bei Porsche und Sportpräsident des Automobilclub von Deutschland (AvD).
1957 wird die Mille Miglia als reguläre Sportveranstaltung wegen zahlreicher Unfälle eingestellt. Seit 1953 zählte sie zur Sportwagen-Weltmeisterschaft. Am Montag, dem 2. Mai 1955, siegt zum letzten Mal ein Ausländer in Brescia. Stirling Moss und sein Beifahrer Denis Jenkinson sind im Mercedes-Benz 300 SLR zum damals wichtigsten und auch gefährlichsten Straßenrennen gestartet und müssen sich auf 1597 Kilometer der kurvenreichen Strecke ohne größere Sicherheitsvorkehrungen einer Konkurrenz von 520 anderen Fahrzeugen erwehren. Das gelingt ihnen mit Bravour. Nach 10 Stunden, 7 Minuten und 48 Sekunden winkt die Flagge in Brescia das silberne Auto mit der rot aufgemalten 722 – der Startzeit, wie es bei der Mille Miglia üblich ist – als erstes ins Ziel.
Es ist eine neue Rekordzeit für die 1000 Meilen, die nicht mehr unterboten werden soll: im Durchschnitt 157,65 km/h. Damit ist Moss, der zwar niemals Weltmeister wurde, aber sonst alles gewann, was als Rennfahrer zu gewinnen ist, dort angekommen, wo er hin wollte: im Olymp des Motorsports.
Sein damaliges Dienstfahrzeug war ein Mercedes-Benz 300 SLR, im Gegensatz zum sechszylindrigen Straßenwagen 300 SL mit Flügeltüren ein offener Zweisitzer mit stromlinienförmiger Karosserie und einem Achtzylindermotor mit drei Litern Hubraum und einer Leistung von 196 kW / 366 PS. Damit schaffte der Wagen bis zu 290 km/h.
2016 findet die Mille Miglia vom Donnerstag, 19. bis zum Sonntag, 22 Mai statt. Traditionell unterstützt Mercedes-Benz als Automotive Sponsor das prestigeträchtige und berühmte Straßenrennen quer durch Italien auch diesmal. Die Fahrzeugliste der teilnehmenden Wagen made in Stuttgart liest sich wie ein Menü automobiler Delikatessen: Aus der Epoche der Kompressor-Sportwagen der 1920er- und 1930er-Jahre werden die Typen SS und SSK vertreten sein. Aus den 1950er-Jahren mehrere 300 SL – und zusätzlich die Typen 180 D, 220 a und 190 SL. Zeugnisse aus dem Jahr 2015 belegen, dass schon bei den originalen 1000 Meilen im Jahr 1956 ein 190 SL mit dabei war. Das französische Fahrerteam Michel Bianco / Jean Loup Pellecuer, Startnummer 347, belegte damals nach einer Fahrtzeit von 16 Stunden, 6 Minuten und 15 Sekunden Platz 121.
Wie seit 1977 ist auch 2016 die Mille Miglia eine Zuverlässigkeitsfahrt für Oldtimer. Die Route orientiert sich an der historischen Strecke und führt wie einst von Brescia nach Rom und zurück. Anspruchsvolle Wertungsprüfungen erwarten die Teilnehmer und ihre klassischen Fahrzeuge auf den 1000 Meilen. Start und Ziel ist wie immer der Viale Venezia in Brescia. Die erste Etappe führt zunächst zum Gardasee und dann nach Rimini, am zweiten Tag geht es weiter nach Rom, Tag drei führt nach Parma und die letzte Etappe an Tag vier endet nachmittags gegen halb drei wieder in Brescia.
Und die Startnummer eins erhält wie jedes Jahr seit 1928 ein OM 665 Superba, der Siegerwagen der ersten Mille Miglia 1927.

Text: Ampnet/Hans R. Richarz
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